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Text von Freitag, 26. April 2002


Kritiklos: Der "Schurken-Staat" Irak

Marburg * (sap)
In ihrem "Kampf gegen den Terrorismus" zählen die USA den Irak zur "Achse des Bösen". Für den Schriftsteller Hans-Magnus Enzensberger ist der irakische Machthaber Saddam Hussein gar "ein zweiter Hitler". "Irak - Opfer oder Schurkenstaat?" - unter dieser Fragestellung veranstaltete die Gruppe "Intelligenter Frieden" am Donnerstag (25. April) im Hörsaalgebäude einen Vortrag mit Prof. Dr.Walter Sommerfeld. Der Marburger Altorientalist ist seit 1993 Präsident der Deutsch-Irakischen Gesellschaft und hat das Land zu Forschungszwecken seit 20 Jahren regelmäßig bereist.
"Wahrscheinlich ist der Irak das Land mit dem schlechtesten Image auf der ganzen Welt", meinte Sommerfeld einleitend. In Deutschland seien sich Politiker aller Couleur recht einig darüber, dass der Irak an der Herstellung von Massenvernichtungswaffen arbeitet.
Wie wurde der Irak zum Schurkenstaat? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, zitierte Sommerfeld die Frankfurter Rundschau: "Schurken sind alle Länder mit schlechten Beziehungen zu den USA."
Tatsächlich sind es einzelne Elemente der irakischen Geschichte, die in Europa und den USA zu dessen "Schurken-Image" beigetragen haben. Die Annexion Kuwaits und die Giftgaseinsätze gegen die kurdische Bevölkerung stießen im Westen auf heftige Kritik. Die Mediendarstellungen, so Sommerfeld, seien im Golfkrieg wie heute tendenziös.
Die Gegensätzlichkeit zwischen dem Iran, der mit einer religiösen Führung die Vormachtstellung der Golfregion beansprucht, und dem Irak, der Panarabismus und eine starke wirtschaftliche und militärische Rolle zum Ziel hat, sei der Hauptgrund des Konflikts. Es habe "Attentate" von iranischen Untergrundbewegungen auf den Irak gegeben. Der Giftgaseinsatz gegen die Kurden im Irak - so Sommerfeld - sei nicht gegen die Kurden selbst gerichtet gewesen. Sie hätten sich geographisch auf der Kampflinie gegen den Iran befunden, zumal sich Teile des Kurdengebietes mit dem Iran verbündet hätten.
Kuwait wiederum habe die OPEC-Bestimmungen bei der Ölförderung nicht eingehalten; die Irakische Wirtschaft drohte daran zu zerbrechen. Der Irak versuchte, den eskalierenden Streit schließlich mit militärischen Mitteln zu lösen.
Zwei Wochen nach Ausbruch des Golfkriegs zeichnete der Philosoph Hans Magnus Enzensberger eine Horrorvision: Saddam Hussein sei ein Diktator, der sich das Privileg zuschreibt, als letzter zu sterben. Er wolle alles in seiner Region ausrotten und mache bei seinem eigenen Volk keine Ausnahme.
Das anschließende Embargo gegen den Irak hätte laut Sommerfeld schon lange aufgehoben werden müssen. Und hier beginnt die Opfer-Rolle des Irak. Nach Aussage des Irak sind alle Waffen und Giftgase nach Kriegsende an die UNSCOM (UNO) übergeben worden. Der Irak habe die anschließenden Kontrollen bereitwillig zugelassen. Diese Kontrollen seien bevorzugt am Wochenende durchgeführt worden. So konnte die Weltpresse von einer Verweigerung der Kontrollen berichten, auch wenn diese bereits am nächsten Tag problemlos durchgeführt werden konnten.
Dass der Irak die Kontrollen seit 1998 verweigert, ist nach Sommerfeld eine logische Folge aus dem vier Tage Krieg der USA vom 16. bis 20. Dezember 1998. Die Kontrollen seien dazu ausgenutzt worden, einen Angriff auf den Irak vorzubereiten. Sommerfeld zietierte ein Interview der "Tageszeitung" (taz) vom 2./3. März mit dem früheren UN-Waffeninspekteur Scott Ritter: "Ich sehe den Irak nicht als Bedrohung. Selbst wenn die Inspekteure nicht alle Waffen zerstört haben, wären sie ohne Wartung nicht mehr einsetzbar. Sie müssen Fabriken bauen, sie brauchen die Ausrüstung zur Herstellung. Woher können sie das bekommen? Das ist nicht möglich!"
Sommerfeld forderte eine Balance zwischen an den Irak gestellten Bedingungen und Gegenleistungen. Es gebe 1, 5 Millionen direkte Opfer des Embargos. Der Irak habe seine Auflagen erfüllt, nun könne die USA keine bedingungslose Unterwerfung eines souveränen Staates fordern.
Prof. Dr. Walter Sommerfeld ist es am Donnerstagabend gelungen, eine erfrischend andere Perspektive auf die Politik des Irak aufzuzeigen. Es ist jedoch etwas einseitig, die irakische Geschichte völlig kritiklos zu referieren. Zu viel Kritik kann sich der Altorientalist wohl nicht erlauben, wenn er demnächst wieder eine Einreiseerlaubnis in den Irak bekommen möchte.


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