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Text von Samstag, 27. July 2002


Mörderisch: WTO und Weltbank müssen weg!

Marburg * (FJH)
"Each one can teach one." Auf diese griffige Formel brachte Susan George ihre ERwartungen an die Teilnehmer der ersten Sommerakademie des globalisierungskritischen Netzwerks ATTAC Deutschland. Die Vizepräsidentin von Attac-Frankreich und Prof. Dr. Jean Ziegler, UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, eröffneten die ATTAC-Sommerakademie am Freitagabend (26. Juli) im vollbesetzten Auditorium Maximum der Philipps-Universität.
Susan George forderte das Publikum auf, sich bei der Sommerakademie umfangreiche Kenntnisse von Fakten und Zusammenhängen anzueignen, um diese dann möglichst verständlich weiterzuvermitteln. Der globalisierungskritischen Bewegung Frankreichs sei dies beispielsweise beim Multilateral Agreement of Investment (MAI) so eindrucksvoll gelungen, dass die französische Regierung aus dem Abkommen ausstieg und das MAI schließlich ganz zusammenbrach.
Mit faszinierender Eindringlichkeit verdeutlichte Jean Ziegler das mörderische Wirken der World Trade Organisation (WTO) und des International Monetory Fonds (IMF). Die von ihnen propagierte Liberalisierung und Privatisierung der Märkte bringe Hunger, Seuchen und Kriege. Mit nur fünf Sätzen begründete der Professor in Genf und an der Pariser Sorbonne seine Forderung: "WTO und Weltbank müssen weg!"
Aufführlich untermauerte Zigler anschließend seinen eindrucksvollen Appell mit Fakten, Zahlen und Beispielen: Die drei größten Konzerne Siemens, Nestlé und Novatis erzielen mit ihren Tochterunternehmen und Kooperationspartnern allein ein Drittel der weltweiten Handelsumsätze. Ein weiteres Drittel entfällt auf weitere 200 Konzerne. 82% des weltweiten Handelsvolumens entfallen auf die USA, die EU und Japan.
Die ungerechte Verteilung des Reichtums habe sich in der "ameritischen Phase" seit dem Wegfall der Blockkonfrontation im Jahr 1991 noch weiter verstärkt. Hunger, Seuchen und Kriege haben zugenommen. Alle sieben Sekunden stirbt ein Mensch an den Folgen von Unterernährung. Dabei reicht die Kapazität der Landwirtschaft nach Berechnungen internationaler Organisationen aus, annähernd doppelt so viele Menschen zu ernähren wie heute auf der ERde leben!
Hunger und Seuchen sind von den Menschen selbst hausgemacht. Am Beispiel Nigers zeigte Ziegler auf, welch verheerende Rolle die WTO dabei spielt. Nach der Privatisierung der Veterinärversorgung können die Bürger des afrikanischen Landes ihr Vieh kaum mehr verkaufen, da grenzüberschreitender Tierhandel Veterinärzeugnisse voraussetzt. Nach der Privatisierung des Transportwesens sei ein Großteil der Dörfer im zweitärmsten Land der Welt von regelmäßigen Belieferungen abgeschnitten. Als UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung hat Ziegler die Auswirkungen der Privatisierungspolitik im Niger kürzlich selbst beobachtet.
Sein Fazit: "WTO und Weltbank müssen weg!" Seine Hoffnung drückte der Schweizer Professor zum Schluss seines seines eindrucksvollen Vortrags mit Bertolt Brechts Gedicht "Am Grunde der Moldau" aus: "Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine. Die Nacht hat zwölf Stunden, und dann folgt der Tag!"


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