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Text von Samstag, 12. Januar 2002


Vorausschauender Augenarzt: BliStA ehrte Bielschowsky

Marburg * (FJH)
Er ist Auutor der meistzitierten Veröffentlichungen zum Thema "Schielbehandlung". Die deutsche Fachgesellschaft trägt seinen Namen. Die Tagungen der internationalen Fachgesellschaft beginnen traditionell mit einer "Bielschowsky-Lecture". Ohne Alfred Bielschowsky (1871 - 1940) gäbe es die Deutsche Blindenstudienanstalt (BliStA) in Marburg wahrscheinlich nicht. Am Freitagabend (11. Januar) gab die BliStA einem ihrer wichtigsten Häuser deswegen seinen Namen.
[Namenstafel am Bielschowsky-Haus]

"Bielschowsky-Haus" steht nun auf einem Schild an der Biegenstraße 22. Dort befindet sich die Frühförderstelle und das "Zentrum zur Rehabilitation Sehgeschädigter (RES) der Deutschen Blindenstudienanstalt.
Die Rehabilitation Blinder war auch Bielschowskys vordringliches Anliegen. 1871 wurde er in Schlesien als Sohn jüdischer Eltern geboren. Nach dem Medizinstudium in Breslau und Heidelberg promovierte er zunächst in Chirurgie, bevor er eine zweite Dissertation in Ophtalmologie anschloss. Von 1906 bis 1912 war er Oberarzt der Leipziger Augenklinik. 1912 übernahm Prof. Bielschowsky dann die Leitung der Marburger Universitäts-Augenklinik.
1915 richtete der Reserveoffizier dort 36 Betten für Soldaten ein, die durch Granatsplitter oder Giftgas erblindet waren. Ihm war schnell klar, das die medizinische Rehabilitation allein nicht ausreichte. So heuerte er den jungen Studenten Carl Strehl an, der die Kriegsblinden in der - nach dem französischen Pädagogen Louis Braille benannten - Tastschrift unterwies. Seine Frau richtete in der Wörthstraße - der heutigen Liebigstraße - Unterkünfte für die Rehabilitanten ein.
Im März gründeten Bielschowsky, Strehl und weitere Honoratioren in Berlin den "Verein blinder Akademiker Deutschlands" (VBAD), dessen Ziel die Einrichtung einer Studienanstalt und Bücherei für Blinde war. Sie wurde - so die damalige Begründung - "in einer kleinen, gesunden, günstig gelegenen und nicht zu teuren Stadt" angesiedelt: in Marburg!
Bielschowsky übernahm den Vereinsvorsitz, Strehl die Geschäftsführung. Für sein Engagement ehrten ihn Reichsmarschall Paul von Hindenburg mit dem "Eisernen Kreuz der Kriegshilfe" und Kaiser Wilhelm mit dem Titel "Geheimer Medizinalrat".
All das half Bielschowsky wenig, als 1933 die "Nationalsozialistische Deutsche Arbeiter-Parrtei" (NSDAP) an die Macht kam: Wegen seiner jüdischen Herkunft wurde Bielschowsky 1933 als Direktor der Breslauer Augenklinik entlassen, an der er seit 1923 tätig war.
In den Vereinigten Staaten von Amerika waren seine wissenschaftlichen und didaktischen Qualitäten hingegen sehr gefragt. Eigens für ihn richtete man 1937 in New Hampshire das Dartmouth-Institut ein, wo er bis zu seinem Tod forschte und lehrte. Alfred Bielschowsky starb am 5. April 1940 in New York.
In Deutschland breitete man über seine Verdienste derweil den braunen Mantel des Schweigens. Den wollte Dr. Johannes Jürgen Meister vom BliStA-Trägerverein lüften, als er im vergangen Jahr die Benennung einer Straße nach Alfred Bielschowsky vorschlug: "Als ich die Doktorarbeit von Mohammad Reza Malmanesh gelesen habe, wusste ich, es ist höchste Zeit!"
Die Straße "Am Schlag", wo die BliStA seit gut 70 Jahren residiert, wurde bislang zwar noch nicht nach Bielschowsky umbenannt, wenigstens trägt aber das Haus Biegenstraße 22 90 Jahre nach Übersiedlung des Augenarztes in die Universitätsstadt seinen Namen. Bei der Feierstunde freute sich Meister: "Zu einer Zeit, als die meisten Wissenschaftler noch tiefer in ihren Gräben steckten als heute, hat Bielschowsky erkannt, wie wichtig für uns Blinde gerade auch die soziale Rehabilitation ist."


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