Sie sind hier: marburgnews >

Soziales


Heute ist Samstag, 25. Juni 2022

Text von Samstag, 23. November 2002


Null und nichtig: Nichts verstanden, aber viel kapiert

Marburg * (FJH)
"Theater spielen, in eine Rolle schlüpfen - das macht auch Blinden Spaß", stellte Jürgen Hertlein fest. Der Direktor der Deutschen Blindenstudienanstalg (BliStA) eröffnete am Freitag (22. November) in der Waggonhalle das 1. Internationale Blindentheaterfestival "Punktspiele". Bis Mittwoch (27. November) werden Theatergruppen aus Deutschland England, Kroatien, Ungarnd und der Schweiz ihre Produktionen präsentieren.
Den Auftakt bildete am Freitagabend in der überfüllten Waggonhalle das Theater Novi Zivot aus Kroatien mit seiner Komödie "Null und Nichtig" von Daniil Harms. Obwohl die meisten Zuschauerinnen und Zuschauer kein Serbokroatisch verstehen, kam das Stück beim Publikum sehr gut an.
"Ich habe nichts verstanden, aber es war gut", erklärte ein Zuschauer nach der Aufführung. Auch hin und wieder aufklingendes Gelächter belegte, dass die fremde Sprache keine unüberwindliche Barriere zwischen den blinden Akteuren und ihrem Publikum bildete.
Der Protagonist im langen Nachthemd hat einen Traum: Er liegt hinter einem Gebüch. Die Polizei kommt vorbei; und er fürchtet sich. Es ist ein Alptraum!
Zwischen den Szenen singen die Darsteller gemeinsam flotte Melodien. Immer wieder karrikieren sie Stimmen, Geräusche oder menschliche Eigenarten.
Den Höhepunkt bildet eine Szene, bei der die kroatischen Zuschauer Zuschauerinnen und Zuschauer vielleicht noch mehr reagiert hätten als das deutsche Publikum: Eine Schauspielerin erklärt, die Vorstellung müsse wegen Erkrankung der Darssteller abgebrochen werden. Reihenweise reiern die Schauspieler anschließend um die Wette. Es ist fast ein Kotz-Wettbewerb.
Zum Kotzen war "Null und nichtig" dennoch nicht. Alle Schauspieler zeigten trotz ihrer Sehbeeinträchtigung eine professionelle Bühnenpräsenz. Ihre darstellerischen Leistungen ernteten zum Schluss auch den verdienten Applaus. Man darf also auf die weiteren Aufführungen gespannt sein, die bis Dienstagabend (26. November) jeweils um 20.30 Uhr in der Waggonhalle beginnen.


Soziales-Archiv





© 01.11.2002 by fjh-Journalistenbüro, D-35037 Marburg