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Text von Sonntag, 21. März 2004

 
Hedwig Jahnow: Vergessene Vorkämpferin für Frauenrechte
  Marburg * (FJH)
Sie hat Positionen erreicht, die in Marburg noch keine Frau vor ihr errungen hatte: Sie war das erste weibliche Magistratsmitglied der Stadt Marburg und stellvertretende Direktorin der Elisabethschule. Nur einen Tag nach ihrem 65. Geburtstag starb Hedwig Jahnow am 22. März 1944 in Theresienstadt. Ihr Todestag jährt sich am Dienstag (23. März) zum 60. Mal, ihr Geburtstag am Sonntag (21. März) zum 125. Mal.
Geboren wurde sie am 21. März 1879 als Hedwig Inowraclawer. Ihr Vater Arthur Inowraclawer musste seinen jüdischen Vornamen Aaron ebenso ablegen wie den Familiennamen, um eine Chance auf die Verbeamtung als Lehrer zu erhalten. Zuvor war er bereits zum evangelischen Glauben übergetreten.
Auch seine Tochter musste einige Hürden überwinden, um ebenfalls den Lehrerberuf ergreifen zu können. Als Frau war ihr der direkte Weg in die Universität damals noch versperrt. So arbeitete sie zunächst als Lehrerin an privaten Lehrinstituten in Berlin. Erst als sie nach ausreichender Berufspraxis dort eine Prüfung abgelegt hatte, erhielt sie Zugang zu einem Hochschulstudium.
Ihre erste Stelle an einer öffentlichen Schule erhielt Jahnow 1907 an der Elisabethschule in Marburg. In ihren Fächern Geschichte und vor allem Evangelische Theologie veröffentlichte sie zahlreiche wissenschaftliche Aufsätze. Für ihre Arbeit "Das hebräische Leichenlied im Rahmen derß Völkerdichtung"ßverlieh ihr die Universitätß Gießen 1923 die Doktorwürde .
Nach Ende des Ersten Weltkriegs trat Jahnow der damals neugegründeten Deutschen Demokratischen Partei (DDP) bei. Für sie zog die Studienrätin 1918 inns Stadtparl t ein. Ein Jahr später entsandte ihre Partei die angesehene Politikerin in den Magistrat. Sie war die erste Frau, die diesem Gremium angehörte.
Nach einer Amtsperiode zog sich Jahnow dann wieder aus der Politik zurück. Die DDP hatte drastisch an Stimmen verloren und verfügte nur noch über zwei Stadtverordnete.
Jahnow widmete sich nun dem kulturellen und sozialen Engagement. So organisierte sie als Vorstandsmitglied des Vereins "Marburger Bühne" häufigere Theatergastspiele in Marburg. Die Gründung der Marburger Volkshochschule unterstützte sie durch Vorträge zu theologischen Themen.
1925 wurde sie zur Oberstudienrätin befördert. Nun fungierte sie als stellvertretende Schulleiterin. Höher konnte eine Frau im Schuldienst damals nicht aufsteigen.
Das Nazi-Gesetz zur "Widerherstellung des Berufsbeamtentums" drängte sie 1935 aus ihrer Position. Mit nur einem drittel ihrer Bezüge wurde die Oberstudienrätin vom Dienst suspendiert. Das Schulsekretariat hatte der Aufsichtsbehörde gemeldet: "Vier volljüdische Großeltern".
Ein Versuch, nach England zu emigrieren, scheiterte. Die Briten hatten nur Interesse an jungen Emigranten.
In der Wohnung am Wilhelmsplatz, wo Jahnow gemeinsam mit ihrer Freundin Frieda wohnte, hatten die Nazis Studentinnen einquartiert. Sie denunzierten die beiden Frauen 1942 wegen "Abhörens von Feindsendern". Beide wurden in das "Zuchthaus" nach Schwalmstadt gebracht.
Von dort wurde Jahnow noch einmal kurz nach Marburg entlassen. Hier sortierte sie ihre Sachen und organisierte die Auflösung der gemeinsamen Wohnung am Wilhelmsplatz. Gemeinsam mit den letzten Marburger Juden wurde Hedwig Jahnow 1942 nach Theresienstadt deportiert. Dort starb sie am 23. März 1944 an den Folgen von Unterernährung.
Noch würdigen Stadt und Schule Jahnows Wirken für Kultur und Bildung, für Toleranz und für Frauenrechte nicht in hinreichender Form. Sie ist eine der vielen vergessenen Vorkämpferinnen für Gerechtigkeit, die eine herausragende Würdigung verdient hätten!
 
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