[mn]

 

  m a r b u r g n e w s >> die online-Zeitung für Marburg <<
 
Textarchiv  |  Suchen  |  Termine | Newsletter  | Team


Heute ist Freitag, 9. Dezember 2016

Text von Freitag, 9. März 2007

> k u l t u r<
 
 

 Falsche Ideale: Margot Käßmann über Elisabeth 
 Marburg * (jnl)
Unter dem Titel "Elisabeth - was ist heute heilig?" hielt Bischöfin Margot Käßmann am Donnerstag (8. März) in der Elisabethkirche einen Vortrag zum Weltfrauentag 2007. Die Kirche war bis auf den letzten Sitzplatz voll. Viele standen oder setzten sich auf Stufen und Notbehelfe.
Dieser Bischöfin war offenbar ein überzeugender Ruf vorausgeeilt. Und so schickte der Gemeinde-Pastor voraus, dass er von ihr "kritische Worte" zu Elisabeth als Frau geradezu erwarte.
Margot Käßmann umriss einleitend die fast hunderjährige historische Dimension des Weltfrauentags in Deutschland. 1910 wurde er erstmals ausgerufen. Damals ging es zuvorderst um die Erreichung des Frauen-Wahlrechts. Und nach dem ersten Weltkrieg war das erste Ziel erreicht. Der Tag der Frau wurde von da an deutschlandweit begangen und gefeiert. Das Heraustreten aus der jahrhundertelangen Namenlosigkeit der weiblichen Hälfte der Menschheit ist nach Käßmann auch in Europa erst 100-200 Jahre alt.
Heiligen-Gestalten wie Elisabeth von Thüringen waren die absolute Ausnahme von der Regel. Ihre uralten Bescheidenheitsideale wirken bis heute nach. Die Bischöfin bekannte sich zum Ideal der Frauenrechtlerinnen, die geschlechterunabhängig auf die Kraft der Persönlichkeit setzen. Bescheidenheit sei ja nett, aber es brauche Selbstbewusstsein und Kraft.
In einem fiktiven Dialog mit der mittelalterlichen Heiligen umriss die Bischöfin das Gemeinsame und das Trennende. Klares und unerschrockenes Eintreten für die Armen fand Käßmann gut und vorbildlich. Das sei auch ihr christliches Ideal in der Gegenwart. Und sebstverständlich müsse jede bei sich selber anfangen, ohne wenn und aber.
Andererseits habe Elisabeth das Ideal des "Frei-Seins von der Last des Reichtums" maßlos überzogen. Als eine aktuelle Analogie nannte Käßmann Robbie Williams. Der Musiker hatte in einer psychischen Krise geäußert, er wäre lieber arm aber glücklich. Käßmann hingegen fragte: "Was hat denn Gott davon, dass wir uns selbst zerstören?"
Für die Weggabe der eigenen drei kleinen Kinder bei Elisabeths Eintritt in den Franziskaner-Orden äußerte die Bischöfin vollkommenes Unverständnis. Man dürfe die Beziehungen zu den Nahestehenden niemals für ein bloßes Glaubens-Ideal opfern. Den frühen Auszehrungstod der heiligen Elisabeth mit nur 24 Jahren nannte sie traurig und unnötig. Nach ihrem protestantischen Grundverständnis sei Selbstliebe Teil ihres Christ-Seins, bekundete die hannoveraner Bischöfin.
In einem Schrein als Heilige verehrt zu werden, passe nicht zu Elisabeths Leben.
In fünf Orientierungs-Themen umriss die Bischöfin dann ihre Leit-Ideen. Als erstes forderte sie "Sich nichts vorzumachen über die Lage". Die Armut sei weltweit vor allem weiblich vorbestimmt. In den meisten Regionen der Erde seien Frauen zwar die Ernährer ihrer Familien. Zugleich seien sie namenlos, rechtlos und ohne Besitz. Da müsse noch viel geschehen.
Käßmann erinnerte zugleich , daran dass Kinder auch im reichen Deutschland ein Armutsrisiko darstellen. Armut sei auch 800 Jahre nach Elisabeth noch ein zentrales Thema.
Als zweites sprach die ehemalige marburger Theologin von der bedrückenden Macht der Ideale. Diese hetzten die verschiedenen Menschen oft gegeneinander auf. Statt Gemeinsames und Verbindendes zu suchen und zu leben denunzierten die "Heimchen am Herd" und die "karrieregeilen Kinderlosen" sich gegenseitig als "falsch".
Bei genauem Hinsehen sei eine echte Wahlfreiheit jedoch oft gar nicht gegeben. Krippenplätze gebe es in westdeutschen Bundesländern für nur 3 Prozent der Mütter.
Für das muslimische Kopftuch als unechte religiöse -aber politisch-kulturell tradierte- Meinungsäußerung fand Käßmann keine Berechtigung. Zumindest als Vorbild auf dem Schulgelände sei es vollkommen abzulehnen.
Als Drittes sprach sie über die Bedeutung von Kindern im Leben der Frau. Seit der Pille habe sich im Westen viel geändert. Im Rest der Welt gebe es nichts dergleichen.
Neben dem Glück der Geburt habe die Mutterschaft aber auch die Kehrseite des von nun an Gefesselt-Seins.
"Kinder sind die letzte unkündbare Beziehung". Das Kinder bekommen werde in der deutschen Gesellschaft der Gegenwart zunehmend zu einer Art Vernunft-Akt.
Als vierte Leitidee sprach die Beschöfin das weibliche Verhältnis zum eigenen Körper an. Das zeitgenössische Diktat des Gut-Aussehens sei umfassend und bedrückend. Die Mehrheit der Frauen würde kosmetische Operationen vornehmen lassen, hätte sie genügend Geld. "Die falschen Ideale machen unglücklich".
Im übrigen machte Käßmann darauf aufmerksam, dass im 21. Jahrhundert der Frauenhandel größere Geldströme verursache als der Drogenhandel.
Als fünfte Leitidee nannte Käßmann "Glauben leben". Elisabeth habe ihren Glauben kompromisslos gelebt. Die Bischöfin betonte, dass seit Martin Luther nicht mehr allein die Werke über die Gottgefälligkeit bestimmten, sondern allein die Gnade Gottes.
Als Fazit hielt Bischöfin Käßmann fest, dass sie dankbar sei für das frauenrechtlich E,rkämpfte. Die Solidarität untereinander sei vorangekommen. Das Akzeptieren unterschiedlicher Lebensentwürfe habe zugenommen. Dennoch bleibe viel zu tun.
 
 Ihr Kommentar 


Kultur-Archiv






© 2007 by fjh-Journalistenbüro, D-35037 Marburg