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Text von Montag, 4. Juni 2007

> s o n s t i g e s<
  
 Petersburg: Bracewell begeisterte mit Songs 
 Marburg * (jnl)
Song-Poeten von großem Können und mit hoher Bühnenpräsenz brauchen keine Begleitband, um ein Publikum abendfüllend zu fesseln. Das galt auch für die Singer-Songwriterin Lorna Bracewell aus Florida, die am Samstag (2. Juni) in der Waggonhalle gastierte.
Sie stellte ihr neues Album "Flowers on the Chains" auf einer Europa-Tournee vor. Im Vorprogramm trat - ebenfalls nur mit Gitarre und Gesangsstimme - Alexa "Lexi" Pierson aus Virginia auf. Aufgrund der starken Konkurrenz - der Kulturladen KFZ feierte zeitgleich 30-jähriges Bestehen mit einem attraktiven Open-Air-Fest - war das Konzert mit nur 20 Zuschauern weniger gut besucht, als es die Qualität des Gebotenen verdient hätte.
Mit federndem Gang betrat die zierliche Frau in Treckinghosen und Turnschuhen die Theaterbühne. Obwohl höchstens 1,70 Meter groß, strahlte Lorna Bracewell Kraft und viel gute Laune aus.
Ihr Konzert-Opener war eine sehr eigenständig umgesetzte Cover-Version von Bob Dylans "The Times they are achanging". Selbstbewusst und witzig erläuterte Bracewell, dass Dylan diesen Song-Klassiker im zarten Alter von nur 19 Jahren in die Welt gesetzt hat.
Sie ist selbst erst 23 Jahre alt, hat aber schon fünf eigene Alben veröffentlicht und im Vorprogramm von The Pretenders gespielt. Chrissie Hynde nannte sie "a spirited player."
Ihre eigenen Stücke waren ausnahmslos gut gebaute Folk-Rock-Balladen, die Situationen und schwierige Entscheidungen im eigenen Leben schildern. Anders als die meisten kommt sie dabei weitgehend ohne Tränendrüsen, romantische Übersteigerungen und Selbstmitleid aus.
Im Song DonAcute;t let him "Cross your Face" geht es um Ermutigung, die ganz eigenen Wege zu suchen und zu gehen. Das ist durchaus bewusst auch politisch gemeint.
Andererseits kann Bracewell auch sehr Persönliches eindringlich vor das innere Auge des Zuhörers bringen wie in "All that is left of me". Dabei stellt sich unversehens ein Gänsehaut-Faktor ein. In manchen Songs geht sie dabei auf den Spuren Joni Mitchells, allerdings mit einer ganz anders schönen, dunkleren Stimme.
Als eine geborene Entertainerin zeigte sich Bracewell immer wieder in den Zwischenansagen. Ihre Herkunft aus St. Petersburg bei Tampa Bay in Florida ironisierte sie listig mit den Micky Mouse-Ohren, die sie gemäß dem nahegelegenden Disney-Themenpark dort alle tragen müssten.
Ihre erklärte Abscheu gilt dem oft die Musiker beleidigenden Benehmen der Besucher bei vielen "Irish-Pub"-Auftritten. Mit lächelndem Zorn intonierte sie - darauf Bezug nehmend - eine eigene Bearbeitung des Rolling-Stones-Klassikers "Sympathy for the Devil".
"You can´t steal from a Communist", behauptete sie grinsend, als sie zum Titelstück ihres im Februar 2007 herausgekommenen Albums erläuterte, das sei ein Karl-Marx-Zitat. "Flowers on the Chains" seien die Illusionen, die die Menschen unfrei machten, ihr Leben selbst zu bestimmen.
Bracewell ist eine humanistische "Aufklärerin".
Ihr Gitarren-Sound ist volltönend ruhig und hat dabei viel Groove. Man merkte, dass viel Rhythmus-Gefühl und eigene Erfahrung als Schlagzeugerin darin eingeht. Die passageren Rock-Riffs allerdings waren nicht sehr variantenreich.
Das störte kaum, denn die Musik ging von Anfang an gut "in die Beine" und kein Stück langweilte mangels musikalischer Einfälle. Ihre vier Pedale setzte sie sensibel klangmodulierend ein. Geklampft wurde nicht.
Herausragend gelang Lorna Bracewell das Timing und Sich-gegenseitig-Steigern statt Überdecken zwischen Gesang und Instrument. Bis auf idiomatische Feinheiten hatten daher auch die des Englischen nicht perfekt Mächtigen im Publikum kein Problem, zu verstehen, was sie sang.
Soviel Glück hatte man leider bei der in der "Anheizer"-Rolle davor auftretenden Lexi Pierson nicht. Die 26-Jährige pflegte einen kraftvollen Anschlag, der leider die hohe Singstimme häufig verdeckte. Die Texte waren dadurch so gut wie gar nicht verständlich. Zwischendurch kam dennoch heraus, dass sie auf dem Instrument technisch versiert und temporeich zu spielen verstand. Auch die durchaus ausdrucksstarke Stimme kam in leiseren Partien manchmal zur Geltung.
Allerdings schien die Liedermacherin sich nicht richtig wohl zu fühlen auf der Bühne. Sie konnte keinen rechten "Draht zum Publikum" aufbauen und fand nie recht zu sich selbst.
Lorna Bracewells Stimmlage hingegen ist ein wohltuend volumenreiches, kräftiges Alt. Die meiste Zeit sang sie mit geschlossenen Augen, wirkte dabei gleichsam wie meditativ nach innen gerichtet. Ihre Bühnen-Performance war zugleich locker und hochvoltig strömend.
Bracewell sieht sich selber in der Tradition der New Yorkerin Ani DiFranco, die sie zutreffend als die "Mother of New Folk" bezeichnete. Wie sie scheut sich Bracewell nicht, trotz der Bedrohung der Bürgerrechte in den USA durch die "Home-Security"-Behörden ausdrücklich politisch aufzutreten. Immerhin trug der gemeinsame Übervater Woody Guthrie auf seinem Gitarrenkoffer die Aufschrift "This machine kills fashists".
Auch ein Bekenntnis gegen den uneingestanden verlorenen Krieg im Irak fehlte im Repertoire nicht. Bracewell leistete das mit einer fulminanten Version des Dylan-Stücks "Masters of War". Sie kennzeichnete es als einen "dark violent angry peace song". Er klang bei ihr fast wieder frisch wie für heute geschrieben.
Die wenigen Zuschauer spendeten frenetischen, langanhaltenden Beifall.
Nein, eine weibliche Ausgabe von Bruce Springsteen, wie sie dem Journalisten listig auf die Nase binden wollte, wird sie nie werden. Aber sie ist schon jetzt eine herausragende, eigenständige Singer-Songwriterin, von der man in Zukunft noch häufiger hören wird.
 
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