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Text von Samstag, 13. Oktober 2007

> k u l t u r<
 
 

 Schändung: Gewaltiges Plädoyer gegen Gewalt 
 Marburg * (fjh)
Bestialische Gewalt erschütterte das Premierenpublikum am Samstag (13. Oktober) im Erwin-Piscator-Haus (EPH). "Schändung" von Botho Strauß bewegte, irritierte und begeisterte zuletzt die gut 400 Gäste in der Stadthalle. Das Stück von Botho Strauß geht zurück auf "Titus Andronicus" von William Shakespeare.
Der römische Feldherr Titus Andronicus (Thomas Streibig) kehrt aus einer Schlacht heim. Die Volkstribunen tragen ihm - vermittelt durch seine Tochter Lavinia (Franziska Knetsch) - an, sich zur Kaiser-Wahl zu stellen. Doch er spricht sich für den ältesten Sohn des verstorbenen Herrschers als neuen Kaiser aus.
Dafür entlohnt Saturnin (Sascha Oliver Bauer) ihn mit dem Versprechen, Lavinia zur Frau zu nehmen. Als Kaiserin würde sie sich mit Saturnin die Herrschaft über Rom teilen.
Doch Saturnins Bruder Bassian (Bastian Michael) erhebt ältere Ansprüche auf Lavinia. Er entführt die Tochter des Feldherrn. Schon lange hatten sich beide Treue geschworen.
Saturnin hingegen reagiert auf diese Entführung zunächst ganz cool: Er vermählt sich stattdessen mit Tamora (Uta Eisold). Die gothische Königin hatte Titus als Sklavin aus seinem letzten Feldzug mit nach Rom gebracht.
Tamoras erstgeborenen Sohn hatte Titus den Göttern geopfert. Er glaubt an die alten Regeln und Riten.
Tamora aber schwört Rache. Sie gibt sich dem Kaiser hin und berät ihn. Den Ruhm einer römischen Kaiserin genießt sie sichtlich.
Sexuell ist sie aber nicht ausgelastet. Mit dem Mohren Aaron (Jochen Nötzelmann)treibt sie es heimlich. Doch Bassian und Lavinia beobachten das lüsterne Treiben. Bassian geht zu seinem Bruder, um ihn über dieses Doppel-Leben seiner Frau zu informieren.
Tamora aber verdreht die Tatsachen so geschickt, dass Bassian bald als Lüstling dasteht, der es auf sie abgesehen habe.
Tamoras Söhne Demetrius (Nicolas Deutscher) und Chiron (Matthias Zeeb) bringen ihn deswegen um. Beide vergewaltigen danach Lavinia. Sie schneiden ihr die Hände und die Zunge ab und verstümmeln sie so bestialisch.
Titus Andronicus wiederum sinnt nun auf Rache. Er hat Aaron im Verdacht, Lavinia vergewaltigt und verstümmelt zu haben.
Inzwischen hat die Kaiserin einen Sohn geboren. Doch die Haut des Säuglings ist schwarz wie die Aarons.
Um sich diese Schande zu ersparen, will Tamora ihr eigenes Kind umbringen. Doch Aaron hindert sie daran.
Als Titus ihn und seinen Sohn umzubringen droht, bittet er um Gnade für das Baby. Dafür berichtet er Titus von den wahren Vorgängen.
Am Ende zeigt sich ganz deutlich, dass Gewalt keine Lösung sein kann. Ebenso deutlich arbeitet die Inszenierung von David Gerlach heraus, dass Gewalt in allen Menschen und in jeder Gesellschaft steckt. Macht und vor allem ihr Missbrauch verstärken den Hang zur Gewalt noch deutlich.
Aktueller als die Auseinandersetzung mit diesem wichtigen Thema könnte kaum ein Theaterstück sein. Doch provoziert und schockiert das Stück mehrfach auf brutale Weise.
Blut fließt. Abscheuliche Gewalt wird nicht ausgeklammert. In einigen Szenen blieb dem Premieren-Publikum buchstäblich der Atem im Halse stecken.
Vielleicht ist es ja nötig, die alltägliche Abstumpfung der Menschen gegenüber der Gewalt im Fernsehen, in den Nachrichten oder in Kriminalgeschichten durch derart schockierende Darstellungen von Gewalt aufzuknacken. Sicherlich ist die Inszenierung dadurch aber für feinfühligere Gemüter eher abstoßend.
Dennoch hat Gerlach versucht, diese Brutalität mit filmischen Einblendungen, musikalischer Untermalung und heiteren Szenen ein wenig abzumildern.
So steht am Anfang vor der eigentlichen Handlung ein Marktschreier auf der Bühne, der die Siedlung "Terra Secura" anpreist. Dort herrsche Sicherheit. Auch unschön geformte Menschen bekomme man dort nicht zu Gesicht.
Eine Mutter stellt ihren Sohn vor der Bühne ab. "Bleib nur ja hier", ermahnt sie ihn. "Lass Dich nicht ansprechen und misch Dich nicht ein!"
Am Ende des Stücks ist klar, dass es in einer gewalttätigen Gesellschaft völlig unmöglich ist, sich nicht einzumischen.
Mit lautem und langanhaltendem Applaus bedankten sich die Zuschauer bei den hervorragenden Schauspielern nach zweieinhalb Stunden "Schändung" für ihre Leistungen.
Besonders Uta Eisold als Tamora hat ihre Rolle ausgezeichnet verkörpert. Doch auch alle anderen Darsteller brauchten sich nicht zu verstecken.
Schwächer besaitete Gemüter sollten diese Inszenierung aber vielleicht besser meiden. All denjenigen, denen die alltägliche Gewalt aber zur Gewohnheit zu werden droht, könnte dieses Stück einen Anstoß zur Umkehr bieten.
 
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